All-in-One heißt nicht immer All-I-Need
Es gibt eine Reihe von Gründen, warum manche Anbieter in bestimmten Märkten stärker sind als andere.
Wer sich für eine All-in-One-Lösung entscheidet – und warum
Wir teilen den Markt hier in drei Kategorien ein:
Großunternehmen: Unternehmen mit mehr als 5 Milliarden Umsatz
Unternehmen dieser Größe haben ein zentrales Team „Tools & Prozesse“, das sich um Tools und Prozesse kümmert. Diese Abteilung hat zwischen 5 und 50 Mitarbeitende, berichtet meist an die Einkaufsleitung und arbeitet gleichzeitig eng mit der IT zusammen. Hier werden nicht nur Standardprozesse definiert, sondern auch Tools für die einzelnen Teilprozesse ausgewählt. Diese Unternehmen wählen oft den Best-of-Breed-Ansatz, und zwar aus folgenden Gründen:
- Die einzelnen Einkaufsbereiche (indirekter Einkauf, direkter Einkauf, Risikomanagement, CSR) sind relativ groß und haben sehr ausgefeilte und sehr reife Prozesse, weshalb die Funktionalität von Standardtools oder All-in-One-Anbietern oft nicht ausreicht. Best-of-Breed-Anbieter sind meist auch Innovationsführer in ihrem Bereich, da sie sich nur auf einen Teilbereich konzentrieren müssen – davon profitieren gerade die großen Unternehmen.
- Wer verschiedene Best-of-Breed-Anbieter wählt, hat am Ende mehr Schnittstellen zwischen den Systemen, die einerseits entwickelt und andererseits auch gepflegt werden müssen. Dafür braucht man Experten, die die Einkaufsprozesse gut verstehen, aber auch das nötige IT-Know-how haben, um zu verstehen, welche Daten zwischen den Systemen ausgetauscht werden und welches System das führende ist. Genau diese Mitarbeitenden haben die großen Unternehmen, weshalb sie Best-of-Breed-Anbieter auch in eine bestehende Landschaft integrieren können.
- Konzerne haben zudem meist sehr aktive M&A-Prozesse und Beteiligungen bzw. Tochtergesellschaften in recht unterschiedlichen Bereichen und Branchen. Da der Abdeckungsgrad einer All-in-One-Lösung dann für verschiedene Tochtergesellschaften oft gering ist, fällt die Entscheidung häufig für eine Kombination von Best-of-Breed-Anbietern, die an ein zentrales SRM-System (Supplier Relationship Management) angebunden sind, das auch als MDM-Tool (Master Data Management) dienen kann.
Mittelgroße Unternehmen: Unternehmen mit 500 Millionen bis 5 Milliarden Umsatz
Auch Unternehmen dieser Größe haben eine Abteilung „Tools & Prozesse“, die aber meist relativ klein ist und nur aus 1 bis 5 Personen besteht. Hier ist das Prozess-Know-how meist stärker ausgeprägt als das IT-Know-how, da für Umsetzung und Pflege der Schnittstellen überwiegend Ressourcen direkt aus der IT-Abteilung genutzt werden. Diese Unternehmen versuchen meist, einen All-in-One-Anbieter auszuwählen, und zwar aus folgenden Gründen:
- Die Zusammenarbeit mit der internen IT ist oft schwierig, da die IT meist wenig Prozess-Know-how hat und das Projekt rein aus IT-Sicht betrachtet. Zudem hat heute fast keine Abteilung genug Ressourcen für Projekte, weshalb jede Einkaufsabteilung versucht, Projekte umzusetzen, die möglichst wenig IT-Unterstützung brauchen. Und genau das ist der Vorteil einer All-in-One-Lösung.
- Die meisten All-in-One-Lösungen bieten durchgängige Standardprozesse, die sich als Best Practice umsetzen lassen. In einer homogenen Prozesslandschaft ist das für viele Unternehmen ein großer Vorteil, da sie von den Best-Practice-Prozessen des Anbieters profitieren und kein eigenes Process Reengineering machen müssen. Deshalb sind Referenzen aus der eigenen Branche für potenzielle Softwarekäufer sehr wichtig, denn sie gehen davon aus, dass der Anbieter sie besser versteht, wenn er bereits x Projekte in genau dieser Branche umgesetzt hat.
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU): Unternehmen mit weniger als 500 Millionen Umsatz
Unternehmen mit weniger als 500 Millionen Umsatz und besonders Unternehmen mit weniger als 200 Millionen Umsatz haben meist keine eigene Abteilung für die Einführung von Tools und die Entwicklung von Standardprozessen. Die Initiative geht daher meist von der Einkaufsleitung aus, die die Arbeit auf ihr Team von 5 bis 15 Einkäuferinnen und Einkäufern verteilt, sich oft aber auch selbst sehr intensiv um die Softwareeinführung kümmert.
Früher haben diese Unternehmen meist gar keine Einkaufstools genutzt und alles über das ERP-System oder Excel abgebildet. Seit der Pandemie digitalisieren sie deutlich intensiver und suchen Anbieter, mit denen sie auf Augenhöhe sprechen können. Besonders wichtig sind diesen Unternehmen folgende Anforderungen:
- Ein einfacher Start ohne hohe Kosten für Integration oder Customizing (auch zur Risikominimierung, falls es nicht wie geplant funktioniert).
- Super einfache Bedienung ohne schwer verständliche Spezialfunktionen (größere Anbieter liefern hier mitunter eine vereinfachte Version ihrer komplexen Lösung, inzwischen gibt es aber auch Anbieter, die sich auf den KMU-Markt spezialisiert haben und hier einen großen Vorteil haben).
- Best Practice bei Einführung und Rollout-Strategie (da die Unternehmen kein großes Beratungsbudget haben, findet der Wissenstransfer meist nicht in 1:1-Sitzungen statt, sondern in Form von User Communities und Webinaren, an denen mehrere Unternehmen gleichzeitig teilnehmen können und die für den Anbieter keine hohen Kosten verursachen).
Was sich seit 2024 verändert hat
Zwischen All-in-One-Suiten und Best-of-Breed-Tools hat sich eine dritte Option etabliert: Intake- und Orchestrierungsplattformen wie Zip, ORO Labs oder Omnea. Sie liegen vor dem bestehenden ERP und der Suite, geben allen Mitarbeitenden einen einfachen Einstiegspunkt und leiten jede Anfrage an den richtigen Prozess weiter. Für viele Unternehmen ist die Frage „Suite oder Best-of-Breed“ dadurch weniger kritisch geworden, weil der Nutzer nicht mehr sieht, welches System im Hintergrund arbeitet. Gleichzeitig kaufen die Suiten weiter Spezialisten zu (Coupa hat 2025 Cirtuo und Scoutbee übernommen), sodass die Grenze zwischen beiden Modellen verschwimmt. Einen Überblick gibt unsere Marktlandkarte Einkaufssoftware.
Wer entscheidet über neue Einkaufstools?
Um zu verstehen, warum sich Unternehmen für eine Suite oder für Best-of-Breed-Tools entscheiden, muss man wissen, wer entscheidet. In den meisten größeren Unternehmen ist das nicht der CPO allein, sondern eine eigene Abteilung namens Prozesse & Tools (auch „Procurement Excellence“), die an den CPO berichtet und eng mit der IT zusammenarbeitet.
- In Großunternehmen hat dieses Team die Leute und das Budget, um Tools selbst zu bauen. Immer mehr seiner Mitglieder entwickeln eigene Anwendungen und KI-Agenten mit Claude oder anderen KI-Modellen und binden sie an die bestehende Suite an.
- Im Mittelstand ist das Team klein oder existiert gar nicht. Diese Unternehmen kaufen meist fertige Tools für die einzelnen Prozesse zu, auch weil es für sie schwer ist, KI-Spezialisten zu gewinnen.
Für Softwareanbieter und Investoren ist Prozesse & Tools daher der wichtigste Ansprechpartner in der Organisation des Kunden.
Ein typisches Organigramm eines größeren Produktionsunternehmens
Klicken Sie auf eine Position, um ihre Aufgaben zu sehen.
Organigramm · Produktionsunternehmen
Klicken Sie auf eine Position, um ihre Aufgaben zu sehen. Der Einkauf ist hervorgehoben.
Geschäftsleitung
CEO Vorsitz der Geschäftsführung
- Legt Unternehmensstrategie und Ziele fest
- Entscheidet über Budgets und große Investitionen, auch über große Softwareprojekte
Berichtet an CEO
CFO Finanzvorstand
- Finanzen, Controlling und Budgets
- Verantwortet die finanzielle Seite von Procure2Pay: Rechnungen, Zahlungen, Liquidität
Entscheidet bei Einkaufstools oft mit, weil Kreditorenbuchhaltung und Budgetkontrolle im Finanzbereich liegen.
Berichtet an CFO
Treasury Liquidität und Zahlungsverkehr
- Cash- und Liquiditätsmanagement
- Zahlungsläufe, Währungs- und Zinsrisiken
Berichtet an Treasury / CFO
Kreditorenbuchhaltung Rechnungsbearbeitung
- Empfängt, prüft und bucht Lieferantenrechnungen
- Gleicht Rechnungen mit Bestellung und Wareneingang ab
- Bezahlt Lieferanten fristgerecht
Nutzt E-Rechnungs- und AP-Automatisierungstools; steht seit 2025 durch die E-Rechnungspflicht unter Druck.
Berichtet an CEO
CPO Einkaufsleitung
- Verantwortet die Einkaufsstrategie sowie die Einsparungs-, Risiko- und ESG-Ziele
- Organisiert die Einkaufsteams für direktes und indirektes Material
- Entscheidet gemeinsam mit CIO und CFO über die Digitalisierungs-Roadmap
- Vertritt den Einkauf in der Geschäftsleitung und gegenüber wichtigen Lieferanten
Letzte Instanz bei der Auswahl von Einkaufssoftware, meist auf Empfehlung von Prozesse & Tools.
Berichtet an CPO
Direkter Einkauf Produktionsmaterial
- Kauft alles, was in der Stückliste steht: Rohstoffe, Komponenten, Verpackung
- Wählt gemeinsam mit der Entwicklung Lieferanten für neue Produkte aus, oft Jahre vor Serienstart
- Nutzt Kostenaufbrüche und Should-Costing für Verhandlungen
- Sichert die Versorgung und steuert Qualität und Leistung der Lieferanten
- Organisiert als Matrix aus Warengruppen und Regionen (siehe unten)
In Produktionsunternehmen das mit Abstand größte Einkaufsteam.
Berichtet an CPO
Indirekter Einkauf Nicht-Produktionsmaterial
- Kauft alles, was das Unternehmen für den Betrieb braucht: IT, Marketing, Dienstleistungen, Facility, MRO, Reisen
- Betreut viele interne Kunden mit vielen kleinen Anfragen
- Baut Rahmenverträge, Kataloge und Marktplätze auf
- Steuert Tail Spend und die Einhaltung der Einkaufsrichtlinien
In Produktionsunternehmen ein deutlich kleineres Team als der direkte Einkauf, obwohl es die meisten Transaktionen abwickelt.
Berichtet an Indirekter Einkauf
Procure2Pay Operativer Einkauf
- Bearbeitet Bedarfsanforderungen und Bestellungen
- Pflegt Kataloge und Lieferantenanbindungen
- Löst Probleme bei Bestellung und Lieferung
Hauptnutzer von eProcurement-Tools.
Berichtet an CPO
Prozesse & Tools Procurement Excellence
- Definiert und standardisiert die Einkaufsprozesse
- Wählt die Einkaufs-Toollandschaft aus und verantwortet sie: meist die Abteilung, die über neue Tools entscheidet
- Verantwortet Stammdaten, Reporting und Einkaufskennzahlen
- Führt Einführungsprojekte gemeinsam mit der IT durch
- In Großunternehmen: entwickelt eigene Tools und KI-Agenten, zunehmend mit Claude oder anderen KI-Modellen
- Im Mittelstand: kauft fertige Tools je Prozess zu, weil es schwer ist, KI-Spezialisten zu gewinnen
Der wichtigste Ansprechpartner für jeden Anbieter von Einkaufssoftware.
Berichtet an CEO
CIO IT-Leitung
- IT-Infrastruktur, ERP-System und IT-Sicherheit
- Gibt Integrationen, Datenschutz und Cloud-Nutzung neuer Tools frei
Hat ein Vetorecht bei neuen Tools: Sicherheit, Integration und Architektur müssen passen.
Berichtet an CEO
COO Vorstand Operations
- Produktion, Logistik und Betrieb
Berichtet an COO
Supply Chain Execution Planung und Lieferung
- Materialplanung, Abrufe und Lieferpläne
- Verfolgt Auftragsbestätigungen und Liefertermine nach
Hauptnutzer von Supply-Chain-Collaboration-Tools für Produktionsmaterial.
In Produktionsunternehmen ist das Team im indirekten Einkauf deutlich kleiner als das Team im direkten Einkauf, obwohl der indirekte Einkauf die meisten Bestellungen abwickelt. Der direkte Einkauf kauft das Produktionsmaterial, das den größten Anteil der Ausgaben ausmacht und das höchste Risiko trägt.
Die Matrix hinter dem direkten Einkauf
Hinter dem direkten Einkauf eines Produktionsunternehmens steht meist eine eigene Matrixorganisation, gegliedert nach Warengruppe (auch Commodity oder Materialgruppe) und nach Region. Globale Category Manager legen die Strategie für ihre Warengruppe weltweit fest, Regionalleitungen sichern die Versorgung der Werke in ihrer Region, und die Einkäuferinnen und Einkäufer in jeder Zelle berichten an beide. Das Beispiel unten zeigt, wie das funktioniert.
Beispiel · Matrixorganisation im direkten Einkauf
Fahren Sie über eine Warengruppe, eine Region oder eine Zelle oder tippen Sie darauf.
| Warengruppe ↓ Region → | |||
|---|---|---|---|
Zusätzlich haben viele Unternehmen Projekteinkäufer, die unabhängig von der Warengruppe für alle Zukaufteile eines Produkts verantwortlich sind. Sie folgen den Warengruppenstrategien – deshalb müssen diese Strategien in den Tools verfügbar sein und nicht nur in PowerPoint. Ein Beispiel finden Sie unter Category Management.
