Der Markt für Einkaufssoftware aus Investorensicht
Wo Wert entsteht, welche Geschäftsmodelle funktionieren und was sich seit dem Aufkommen von KI-Agenten verändert hat. Stand: Oktober 2026.
Warum Einkaufssoftware wichtig ist
Der Einkauf steuert einen großen Teil der Kosten jedes Unternehmens: In der Fertigung machen zugekaufte Materialien und Leistungen typischerweise deutlich mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Jeder eingesparte Prozentpunkt wirkt direkt auf das Ergebnis. Gleichzeitig ist der Einkauf eine der am wenigsten digitalisierten Unternehmensfunktionen; in vielen Unternehmen laufen Anfragen, Angebote und Freigaben noch über E-Mail und Excel. Diese Kombination aus hohem Wert und geringer Digitalisierung ist der Grund, warum das Segment seit 25 Jahren Wagnis- und Private-Equity-Kapital anzieht.
Fünf Entwicklungen, die Investoren kennen sollten
1. KI-Agenten sind die neue Investmentthese
Seit 2025 positioniert sich fast jedes neue Procurement-Startup mit KI-Agenten, die komplette Aufgaben erledigen, statt einen Nutzer zu unterstützen. Große Runden 2026 beruhten auf diesem Versprechen, zum Beispiel ORO Labs (100 Mio. $ Series C, März 2026), Pivot (34,4 Mio. € Series B, Mai 2026), Lio (30 Mio. $ Series A unter Führung von a16z, März 2026) und Didero (30 Mio. $ Series A, Februar 2026). Die entscheidende Frage in der Due Diligence ist, wie viel der Arbeit die Agenten im Produktivbetrieb wirklich erledigen und mit welcher Fehlerquote.
2. Intake und Orchestrierung sind zu einer eigenen Kategorie geworden
Zwischen ERP und Einkaufssuite hat sich eine neue Ebene gebildet, die allen Mitarbeitenden einen Einstiegspunkt bietet und Freigaben, Rechtsabteilung, IT-Sicherheit und Einkauf orchestriert. Zip, ORO Labs, Omnea und Levelpath haben zwischen Oktober 2024 und März 2026 zusammen mehr als 400 Mio. $ eingesammelt. Für die Suiten ist das eine Bedrohung, weil die Beziehung zum Nutzer auf die Orchestrierungsebene wandert.
3. Konsolidierung: Suiten kaufen KI-Spezialisten
Etablierte Anbieter vervollständigen ihr Portfolio durch Zukäufe, statt jede KI-Funktion selbst zu bauen:
| Datum | Käufer | Ziel | Kategorie |
|---|---|---|---|
| Apr. 2024 | Spendesk | Okko | Einkauf für Spend Management |
| Aug. 2024 | Vista Equity Partners | Jaggaer (von Cinven) | Source-to-Pay-Suite |
| Sep. 2024 | Workday | Evisort | KI-Vertragsanalyse |
| März 2025 | Beroe | nnamu | KI-Verhandlung (Spieltheorie) |
| Mai 2025 | Coupa | Cirtuo | Category Management |
| Aug. 2025 | WiseTech Global | e2open | Supply-Chain-Netzwerk |
| Okt. 2025 | Coupa | Scoutbee | KI-Lieferantensuche |
| Apr. 2026 | SpendHQ | Sligo AI | Infrastruktur für agentenbasierte KI |
| Juni 2026 | Vertice | Vendr | SaaS-Einkauf |
Die Daten beziehen sich auf die Bekanntgabe.
4. Private Equity besitzt die meisten Suiten
Mehrere der großen Plattformen sind in Privatbesitz: Coupa bei Thoma Bravo (seit 2023), Jaggaer bei Vista Equity Partners (seit 2024), Onventis bei Keensight Capital (seit 2023) und Proactis bei Pollen Street und DBAY (seit 2021). Die Haltedauer von Private Equity begrenzt in der Regel langfristige Produktneuentwicklungen. Das schafft Raum für KI-native Herausforderer – und später natürliche Käufer für sie.
5. Regulierung schafft Nachfrage
Mehrere Vorschriften entlang des gesamten Source2Pay-Prozesses zwingen Unternehmen, mehr Daten von ihren Lieferanten zu erheben und Prozesse zu digitalisieren:
- E-Rechnung in Deutschland: Empfang von E-Rechnungen seit 2025 Pflicht, Ausstellung ab 2027 (Umsatz über 800.000 €) und 2028 (alle Unternehmen); EU-weite digitale Meldung für den grenzüberschreitenden Handel mit ViDA ab 2030.
- CBAM: Seit dem 1. Januar 2026 zahlen Importeure von Stahl, Aluminium, Düngemitteln und anderen erfassten Waren für das enthaltene CO₂ (ausgenommen unter 50 Tonnen pro Jahr).
- Sorgfaltspflichten in der Lieferkette: Das deutsche LkSG wird vereinfacht, die EU-CSDDD wurde auf Juli 2029 verschoben – die grundsätzliche Pflicht, die eigenen Lieferanten zu kennen, bleibt aber bestehen.
Ausgewählte Finanzierungsrunden 2024–2026
| Unternehmen | Runde | Betrag | Datum | Kategorie |
|---|---|---|---|---|
| Qualifyze | Series B | 54 Mio. $ | Sep. 2024 | Qualitätsaudits bei Lieferanten |
| Zip | Series D | 190 Mio. $ | Okt. 2024 | Intake-to-Procure |
| Mercanis | Series A | 17,3 Mio. € | Juni 2025 | Einkaufssuite mit agentenbasierter KI |
| Levelpath | Series B | 55 Mio. $ | Juni 2025 | Intake und Sourcing |
| Omnea | Series B | 50 Mio. $ | Sep. 2025 | Intake und Orchestrierung |
| Procure AI | Seed | 13 Mio. $ | Nov. 2025 | Einkaufsagenten |
| Coverbase | Series A | 16,5 Mio. $ | Nov. 2025 | Drittparteienrisiko |
| Didero | Series A | 30 Mio. $ | Feb. 2026 | Einkaufsagenten für die Fertigung |
| Lio | Series A | 30 Mio. $ | März 2026 | Einkaufsagenten |
| ORO Labs | Series C | 100 Mio. $ | März 2026 | Agentenbasierte Orchestrierung |
| Pivot | Series B | 34,4 Mio. € | Mai 2026 | KI-Betriebssystem für den Einkauf |
Die vollständige Marktübersicht finden Sie in unserer Marktlandkarte.
Worauf es in der Due Diligence ankommt
Aus unserer Erfahrung im Aufbau, Verkauf und Kauf von Einkaufssoftware sind das die Fragen, die am häufigsten über den Erfolg eines Anbieters entscheiden:
- Nutzerakzeptanz: Wie viele der lizenzierten Nutzer arbeiten tatsächlich jeden Monat im Tool? Einkaufssoftware scheitert weit häufiger an der Akzeptanz als an fehlenden Funktionen. (Siehe unseren Artikel zur User Adoption.)
- Time to Value: Wie lange dauert eine Einführung, und wie viel davon braucht externe Berater? Projekte, die länger als sechs Monate dauern, verlieren an Schwung.
- Datenzugang: Hat der Anbieter die Transaktionsdaten, die er zum Trainieren und Benchmarken seiner KI braucht, und darf er sie kundenübergreifend nutzen?
- Integrationsaufwand: Wie viele Standardschnittstellen zu ERP-Systemen (SAP, Microsoft, Infor, Oracle) gibt es, und wer pflegt sie?
- Segment-Fit: Suiten für Großunternehmen, einfache Tools für den Mittelstand – nur wenigen Anbietern gelingt beides. (Siehe die unterschiedlichen Anforderungen von Unternehmen.)
- Net Revenue Retention und Expansion: Ergänzen Kunden nach dem ersten Projekt Module und Nutzer?
Sprechen Sie mit uns
Thomas Dieringer hat POOL4TOOL gegründet, war Geschäftsführer bei JAGGAER und kennt den Markt aus Sicht von Anbietern, Kunden und Private Equity. Wenn Sie über den Markt für Einkaufssoftware sprechen möchten, schreiben Sie an office@procurement.club oder rufen Sie an unter +43 664 4002933.
